Im 19. Jahrhundert entschlossen sich viele Stockstädter Familien dazu, nach Amerika auszuwandern. Grund war vermutlich die Enge im Dorf. Man hatte keinen ausreichend großen Wohnraum zur Verfügung und der Bau von neuen Häusern außerhalb der Ortsmauer war nicht gestattet. Es gab damals etwa 150 kleine Häuser innerhalb der Ortsmauer. Nur etwa dreizehn Häuser existierten außerhalb der Mauer, die von Handwerkern errichtet werden durften. Familien mit zahlreichen Kindern, die den eingeschränkten Raum im alten Dorf nicht verlassen durften, lebten oft in einem Zimmer eines kleinen Hauses, das sie mit zahlreichen weiteren Verwandten zu teilen hatten.
Im Jahr 1808 – kurz vor Beginn der Auswanderungswelle – lag die Bevölkerungsanzahl noch um die 1.000 Personen. Im Jahr 1830 war sie bereits auf rund 1.500 Personen angestiegen. Betrachtet man die noch erhaltenen älteren Häuser, kann man sich vorstellen, warum der Wunsch nach Auswanderung entstand. Auch Gärten und Äcker waren nicht ausreichend, um die Bevölkerung zu ernähren. In dieser Zeit kamen zudem Anwerber der Auswanderungsagenturen in die Dörfer, die den Einheimischen versprachen, sie fänden ein besseres und freieres Leben über dem Ozean. Viele machten sich in der Hoffnung auf einen vielversprechenden Neuanfang auf den Weg
Die ersten Amerika-Auswanderer für Stockstadt sind für die Jahre 1832 bis 1833 bekannt. Nachweislich verließen damals etwa 100 Personen den Ort. Es handelte sich um Ehepaare mit Kindern. Nach etwas mehr als 10 Jahren machten sich weitere Familien auf den Weg. Erneut sprechen wir hier von ungefähr 100 Personen im Familienverbund, die sich bis 1875 einschifften. Hinzu kamen noch mehr als 60 unverheiratete Einzelpersonen
Ausgehend von 1.500 Einwohnern hatte somit bis 1875 ein Bevölkerungsanteil von etwa 15 % Stockstadt verlassen. Entsprechend war im Jahr 1890 die Bevölkerungsanzahl gesunken und betrug nun noch an die 1.300 Personen. Der Wille zur Ortsveränderung war aber ungebrochen, vermutlich trugen auch die Berichte der Ausgewanderten in Schreiben an die Stockstädter Heimat dazu bei. Erneut brachen ab den 1880-er Jahren 17 Ehepaare mit insgesamt 50 Kindern und etwa 27 ledige Personen nach Amerika auf
Man kann davon ausgehen, dass in den einhundert Jahren zwischen 1830 und 1930 mehr als 400 in Stockstadt Geborene nach Amerika gereist sind, um dort ein neues Leben zu beginnen. Es sei betont, dass nicht sämtliche Auswanderer bekannt sind. Findet man im Familienbuch für Stockstadt am Main bei einer Person kein Sterbedatum und sind Familienangehörige in Amerika ansässig, ist möglicherweise auch diese Person ausgewandert und in Amerika zu finden. Die Recherche und Suche nach den Wohnorten von Stockstädtern in Amerika geht daher ständig weiter und bringt oft Überraschungen mit sich
Stockstädter blieben in den ersten ein bis zwei Generationen häufig auch in Amerika unter sich. Kinder der ausgewanderten Familien heirateten in Amerika. Und nach Beginn der Dampfschifffahrt gab es vereinzelt auch Besuche von Ausgewanderten in ihrem Heimatdorf.
Der Artikel wurde zuletzt am 24 März 2026 bearbeitet.
Quellenangaben:
Chronik Stockstadt am Main. Beiträge zur geschichtlichen Entwicklung. Aschaffenburg, 1982.
Fecher, Josef: Familienbuch Stockstadt am Main. 1621-1900. Aschaffenburg, 2013.
