Dorfgeschichte(n)

Stockstadt am Main im Bachgau

Die folgenden Beiträge zur Ortschaft Stockstadt am Main sind in der 1821 veröffentlichten Geschichte des Bachgaus (alte Cent Ostheim und Stadt Obernburg) enthalten und werden hier unkommentiert abgebildet:

Seite 257 ff.: Stockstadt am Main, gerade beim Einfluß der Gersprenz gelegen und von der Chaussee durchschnitten, 1 Stunde von Aschaffenburg und 2 Stunden von Seligenstadt entfernt, war ehemals ein bedeutender und viel größerer Flecken als jetzt, den man deßhalb in alten Landcharten mit großen Buchstaben eingeschrieben findet. Er hieß Stoddenstatt und war im 11ten Jahrhundert der Hauptsitz des Landgerichts vom Bachgau, im 18ten Jahrhundert der Sitz der Kellerei Bachgau. Ehemals, im Mittelalter und in neuerer Zeit befand sich hier die Hauptzoll- und Geleitsstätte; jetzt ist da ein königlich baierisches Oberzollamt etablirt, welchem die Beizollämter und Stationen zu Großostheim, Wenigenumstadt, Pflaumheim untergeben sind.

Der Flecken ist mit einer Mauer umringt, die erst im 15ten Jahrhundert erbaut worden seyn mag; denn vorher dehnte sich sein Umfang über den, vor dem östlichen Thore liegenden, Kirchhof und westlich über die Brücke, von welcher schon oben geredet worden ist, aus. Mehrere Feldwege führen daher noch die Namen Angelgasse, Bittergasse u.a.; gräbt man da, so finden sich Ruinen abgebrannter Häuser, welche mit Dachziegeln abgedeckt waren, und Geräthschaften. Voriges Jahr grub man z.B. eine große Pflugschaar und Seeg hervor, welche 25 Pfund wogen. Hiernach läßt sich’s beurteilen, daß Stockstadt große Verwüstung müsse erlitten haben, allein man weis nichts Näheres anzugeben. Ums Jahr 1632 wüthete eine große Feuersbrunnst, dies ist das einzige, was noch schriftlich aufgezeichnet worden; damals war aber schon die Mauer um den eingeengten Raum gebaut, auf welchen sich die Einwohner in den Winkel, zwischen dem Main und der Gersprenz, zusammengezogen haben. Vor und nach dem 30jährigen Kriege wanderten viele vertriebene Niederländer und Franzosen ein, selbst auch Tiroler, erstere 1580, letztere um 1650 ein; allein während der Jahre 1631 bis 1650 war der Ort, welcher vorher 200 Nachbarn hatte, fast menschenleer, man zählte zuletzt deren nur noch 10.

Gewerbe waren immer, besonders in alten Zeiten, im guten Gange, weil die Landstraße mancherlei Bedürfnisse erforderte; dieß findet noch jetzt einigermaßen statt, denn ein Drittheil der jetzigen Einwohner treibt Gewerbe neben Ackerbau.

Die Häuser sind zum Theil sehr alt, einige stehen auf noch ältern  steinernen Untergeschossen; man ersieht hieraus die Größe und Solidität der ehemaligen Gebäude. Vor 80 Jahren standen noch ein großes Wirthshaus, zum Ritter genannt, und ein herrschaftliches Gebäude, deren Hofraithen jetzt zu zwölf dergleichen umgeschaffen worden sind. Das älteste und ansehnlichste Haus ist jenes, welches Kurfürst Albrecht 1546 zu einem Zollhause aufbauen ließ. Gegenwärtig besitzt es ein Privatmann. Man liest daran folgende, oben mit dem kurmainzischen Wappen gezierte, Inschrift: Wer hievor. wil. riten. farn. ader. gann. de. sall. meinem. herren. den. zoll. lann. Vorher stand ein anderes herrschaftliches Zollhaus. Hier sollen sich zu Meßzeiten die Kurfürsten, wenigstens Albrecht, eine zeitlang aufgehalten haben; gefundene alte Küchenzettel machen dies wahrscheinlich. Die beiden herrschaftlichen Mühlen sind ebenfalls von genanntem Kurfürsten erbaut; ob auch die Brücke ? darüber habe ich oben in § 11 meine Ansicht mitgetheilt. Für die königlich baierische Zoll- und Chausseegelderhebung wird gegenwärtig ein neues Gebäude aufgeführt.

Von den kirchlichen Gebäuden ist folgendes zu bemerken: Ehemals stand die alte Pfarrkirche vor dem Orte ziemlich weit entlegen; denn bis hieher hatte sich derselbe, wie schon gesagt, erstreckt. Im Orte selbst befand sich die Laurentiuskapelle. Die jetzige Pfarrkirche wurde an ihre Stelle 1773 von der Abtei Seligenstadt erbaut. Sie ist dem h. Leonhard dedicirt und hat drei Altäre: den Hochaltar, dem allerhöchsten Gott, die Nebenaltäre, der h. Mutter Gottes und dem h. Leonhard gewidmet.

Vor dem Orte steht ein steinernes Cruzifix von 1609. Es ist darum merkwürdig, weil die Zeit des 30jährigen Kriegs an ihm schonend vorübergegangen ist. Erzählungen, die man an seine Existenz knüpft, gehören als unerwiesen nicht hierher. Das Pfarrhaus ist neu und von der Abtei Seligenstadt gebaut.

Im Schulwesen wurde auf k.b. Regierungsbefehl 1817 eine große Verbesserung vorgenommen. Da die Kinderzahl sehr angewachsen war, so wurde ein zweiter Lehrer mit 200 fl. angestellt, der die Hälfte der Kinder in einem separaten Local unterrichtet. Möchten andere Regierungen ähnliche Einrichtungen treffen und für den besseren und standesmäßigeren Gehalt der Lehrer ernstlich bedacht seyn!

Seit dem October 1819 ist ein Armenfond errichtet, welcher sich dadurch bildet, daß der 4te Theil des Erlöses der bei dem Oberzollamte Stockstadt befraudirten zollbaren Waaren dahin abgegeben werden muß. Diese löbliche Einrichtung findet gemäß allgemeiner Verordnung auch anderwärts in Orten statt, wo dergleichen Zollämter befindlich sind.

Die Anzahl der jetzt inwohnenden Seelen beträgt 1186. Juden waren nie ansäßig. Die Hübnerschaft ist im Besitz von 284 Waldhuben, wovon 142 im Unter- und 142 im Oberwald liegen. Sie waren ehedem der Abtei Seligenstadt, dem Peter- und Alexanderstift und dem Grafen von Hanau mit Abgaben und Particulargerichtsbarkeit verpflichtet. Gegenwärtig bezieht noch der Großherzog von Hessen und der Graf von Schönborn gewisse Antheile daran. Das alte dreieicher Wildbanns-Weisthum von 1338 bemerkt, daß sich hier eine Wildhube mit einem Wildhof und Gebäulichkeiten befunden habe. Aus diesem Grunde konnte sich Hanau, als theilweiser Inhaber der Reichsvogtei über den Wildbann, so lange und bis in die neueste Zeit hin, im Besitze seiner Waldgerechtsamen zu Stockstadt erhalten.

Seite 233: Die Chaussee, welche von Frankfurt kommt, berührt Stockstadt und Obernburg und läuft fast mitten durch die ehemalige Cent. Sie ist jetzt Commercialstraße 2ter Classe und größtenteils solid gebaut; ein Stück derselben, von der großherzoglich hessischen Gränze an bis nach Stockstadt, welches bisher unbebaut lag und wegen des unerträglichen Sandes manchen Reisenden abhielt, hierher seinen Weeg zu nehmen, wird nunmehr auch in gehörigen Stand versetzt. Die Nähe des erforderlichen Chausseematerial macht die Unterhaltung äusserst wohlfeil. Ehe diese Kunststraße bestanden hat – seit den Jahren 1784 und 85 wurde sie gebaut – ging der Frankfurter Weeg, wenn man von Obernburg kam, über Großostheim nach Babenhausen; die schwäbischen und fränkischen Viehhändler gebrauchen ihn noch. Der ehemalige Geleitsweeg kam von Aschaffenburg über Stockstadt und ging nach Mainflingen, Seligenstadt. Die Einwohner zu Stockstadt waren in früherer Zeit berechtigt, jenen Wägen, welche von Seligenstadt aus Vorspann genommen hatten, diese von hier aus zu geben und die Seligenstädter Vorspannpferde von der Brücke aus zurückzuweisen. Dieß Recht ist in Abgang gekommen, weil es nur wegen der Geleitsstraße eingeführt wurde.

Seite 235: Zwei große Bäche berühren die Cent: die Gersprenz und Mimling. Erstere hieß ehemals Gaspenza oder Gaspenzaha und kömmt schon ums Jahr 827 urkundlich vor. Sie entspringt unweit Ostern im Odenwald, giebt dort zwei Dörfern, Ober- und Untergersprenz ihren Namen, zieht bei Rheinheim, Dieburg und Babenhausen vorbei und fällt zu Stockstadt in den Main. Ihr Lauf bezeichnet größtentheils die südliche und westliche Gränze des alten Bachgaues, doch liegen noch einige Dieburger Mark- und Pfarrdörfer, so wie Babenhausen, links derselben […]. Bei Stockstadt ist eine große steinerne Brücke über sie gebaut, die von einer Gesellschaft nürnberger Kaufleute herrühren soll. Mir scheint sie aber eher kurmainzischen Ursprungs zu seyn, weil die große Zollstätte zu Stockstadt von solchem Interesse war, daß man von dieser Seite ernstlicher daran denken mußte, eine gute Passage zu befördern, als von Seiten der Nürnberger Kaufleute; indessen mögen letztere zur Unterhaltung einiges verwilligt haben. An ihre Stelle soll nun eine neue erbaut werden. Zahlreiche Mühlen sind auf dieser ansehnlichen, zuweilen sehr unruhigen und hochanschwellenden Bach angelegt. So weit die Gränze der alten Cent geht, zählt man ihrer drei nächst Stockstadt.

Seite 55: Die Stätte, wo das Landgericht gehalten wurde, glaube ich bei Stockstadt zu finden. Unweit diesem Ort, nächst der Dieburger Landstraße, liegt auf flachem Felde eine ziemliche Anhöhe, oben geräumig genug, um eine Versammlung mehrerer hundert Menschen aufzunehmen. Man heißt sie den Ballenberg, sehr glaublich aus Mallenberg, d.i. Mallstätte, Mahlstätte, mallus publicus, so viel als Gerichtsplatz, entstanden. Eine Urkunde von 1024 unterstützt diese Meinung in hohem Grade. Kaiser Heinrich II schenkt nämlich der Abtei Fuld den Comitatum Stoddenstet situm in pago Moinigove d.i. die Gerichtsbarkeit über einen Bezirk im Maingau, welcher sich Grafschaft Stockstadt nannte. Denken wir nicht daran, daß sich in dem Bachgau wieder ein eigener Gau befand, der sich von Stockstadt benannte, sondern an das Beispiel anderer Gauen, welche zuweilen ihren Namen nach dem Ort erhielten oder vielmehr umwechselten, wo sich die Gerichtsstätte befand. Die Grafschaft Mallstatt war nichts anderes als die Wetterau; die Grafschaft Marienfels ist dasselbe, was der Gau Emrich gewesen. Diese Benennungen findet man eben um die Zeit, wie hier die Grafschaft Stockstadt uns erscheint. Das Wort Comitatus Stoddenstet bedeutet also hier so viel als Gericht zu Stockstadt, für den Bezirk des Bachgaus.