Am 12 Februar 1903 erhielt Anton Bauer aus Stockstadt am Main die Genehmigung für eine Hochseilfähre zwischen Stockstadt und Mainaschaff. Diese Fähre beförderte nicht nur die Arbeiter der 1898 errichteten Aschaffenburger Zellstoff-Fabrik und weitere Personen aus den Gemeinden Mainaschaff und Kleinostheim – jenseits des Mains gelegen – an ihren Arbeitsplatz. Sie war zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die einzige Möglichkeit für Fuhrwerke, den Main an dieser Stelle zu überqueren. Denn die seit 1854 existierende Mainbrücke besaß weder einen Fußgängersteg noch eine Fahrspur. Sie war eine reine Eisenbahnbrücke.

Der Fährer Anton Bauer und seine Ehefrau Maria Anna, eine geborene Zang, bewohnten ein Haus am unteren linken Ende der Fahrgasse. Die Gasse hieß früher „Bohnengasse“ und erhielt den heute noch gültigen Namen „Fahrgasse“ aufgrund ihrer Nutzung als Zubringer zur Fähre. Dass viele Fuhrwerke die Fähre rege nutzten, erkennt man an den Fahrspuren des folgenden Bilds.

Auf der folgenden Postkarte sieht man – links hinter der Eisenbahnbrücke gelegen – deutlich die Einbuchtung des Mains an der Fährgasse, von wo aus die Fähre startete. Rechts landete sie an einem Weg, der nach Rechtsbiegung in Richtung Mainaschaff und links nach Kleinostheim führte.

Die Fähre war breit genug, um Fuhrwerke zu befördern. Der Unterstand in der Mitte der Fähre diente wohl der Sicherheit der Fährer und der Unterbringung von Gerätschaften. Bestimmt war dies auch eiN Unterstand bei schlechtem Wetter. Gut erkennbar ist hier die Pflasterung der Zufahrt:

Drei Generationen von Mainfährern zwischen 1903 und 1955
Anton Bauer betrieb die Mainfähre, bis sein jüngerer Sohn Reinhard Bauer und sein Enkel Bernhard Bauer sie übernahmen. Am 18 Dezember 1924 geschah bei der Übersetzung der Stockstädter Feuerwehr zu einem Brand in Kleinostheim ein schrecklicher Unfall. Die Pferde scheuten und Antons Enkel (Reinhards Sohn) Bernhard wurde so schwer verletzt, dass er im Alter von 23 Jahren starb. Am 31 März 1931 ereilte seinen Vater ein ähnliches Schicksal. Er war 55 Jahre alt, als er vom Mühlfuhrwerk überfahren wurde. Er starb anschließend im Aschaffenburger Krankenhaus. Anton Bauer, der Begründer der Fähre, musste beide Todesfälle erleben. Er starb am 24 August 1931, fünf Monate nach seinem Sohn.
Kurz vor dem Tod ihres Vaters Reinhard hatte dessen verwitwete Tochter Margaretha den Kleinostheimer Witwer Anton Scheuermann geheiratet. Dieser übernahm nun den Fährbetrieb für etwas mehr als zwei Jahrzehnte. Denn nachdem die Eisenbahnbrücke durch Bombardements der amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, blieb der Fährbetrieb weiterhin wichtig. Erst nach dem Bau einer neuen Brücke mit Fußgängersteg und der neuen Autobahnbrücke verlor sie ihre Bedeutung. Der Fährbetrieb wurde nach 52 Jahren am 14 Oktober 1955 eingestellt.
